Bericht über unser Projekt „Revitalisierung von
Industriebrachen“
Dieses Projekt ist Teil des Horizont-Projektes
“Changing Land Use Patterns“
Wir, Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Bethel in Bielefeld haben uns im
Erdkundeunterricht mit Industrieräumen beschäftigt. Ein besonderer Aspekt
sollte die heutige Nutzung eines alten Industrieraumes im Nahbereich sein. Es
gibt in Bielefeld natürlich auch Industriebrachen, die heute einer neuen
Nutzung zugeführt wurden, jedoch gibt es keine Beispiele, die sich im
Augenblick im Umwandlungsstadium befinden. Die „Ravensberger Spinnerei“
mitten in der Stadt wäre auch ein sehr prägnantes Beispiel, ist jedoch
weitgehend seit mehreren Jahren fertiggestellt. Deshalb haben wir uns für das
Beispiel Oberhausen entschieden. Dort werden auf dem Areal eines ehemaligen
Stahlwerks ein neues Gewerbegebiet, ein neues Stadtzentrum („CentrO“) und
Freizeiteinrichtungen errichtet.
1. Die Entwicklung der Stadt Oberhausen und des „Hütten- und Stahlwerks
Thyssen Niederrhein“ im Ortsteil „Osterfeld“
Oberhausen ist ein typisches Kind des Ruhrgebiets: Erst als in dem dünn
besiedelten Raum Bodenschätze entdeckt wurden, kam es zu einem rasanten Ausbau
der Infrastruktur. Dort, wo man fündig geworden war, wurde beispielsweise 1758
die erste Eisenhütte des Ruhrgebiets gegründet: die St. Antony-Hütte, die später
durch Zusammenschlüsse zur Gutehoffnungshütte (GHH) ausgebaut wurde und noch
heute im europaweit agierenden MAN-Konzern ein wichtiges Standbein darstellt. In
unmittelbarer Nachbarschaft der Förder- und Produktionsstätten entstanden
Wohnungen für die Arbeitnehmer, die zur charakteristischen Gemengelage
altindustrieller Montanreviere führten.
Die Köln-Mindener-Eisenbahn stellte eine der wichtigsten frühen
Fernverbindungen in Deutschland dar. An dieser Bahnlinie entstand 1847 mitten in
der Heide der Bahnhof Oberhausen für gerade mal 733 Einwohner. Erst 1853 wurde
die erste Steinkohle in Oberhausen auf der Zeche Concordia gefördert. 1860 zählte
man 5.590 Einwohner, zwölf Jahre später, bei der Verleihung der Stadtrechte,
waren es schon 15.430.
Neben diesem im früheren Stift Essen gelegenen Alt-Oberhausen hatten sich die nördlich
hiervon befindliche und zum Herzogtum Cleve zählende Stadt Sterkrade sowie das
ostwärts davon im Vest Recklinghausen liegende Osterfeld zunächst völlig
eigenständig entwickelt. Die seit der Jahrhundertwende rasant fortschreitende
wirtschaftliche Expansion hatte dann aber eine zunehmende Verflechtung und
Parallelisierung der bis dato isoliert verlaufenden Entwicklung zur Folge, so dass
1929 die drei Städte zusammengeschlossen wurden.

Karte 1 „Alt-Oberhausen“
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Diagramm 1: Bevölkerungsentwicklung in Oberhausen
2. Das Ende des Hütten- und Stahlwerks
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Diagramm 2: Arbeitnehmer in Oberhausen
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Diagramm 3: Restrukturierung eines gemischten Hüttenwerks
3. Die Suche nach einer neuen Nutzung der Industriebrache „Osterfeld“
Die Stadt Oberhausen, die im Zuge der Industrialisierung aus den Teilbereichen
Alt-Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld 1929 zusammengeschlossen wurde, suchte
seit langem ein neues, gemeinsames Zentrum. Flächenmäßig bot sich dazu das
ca. 100 ha große Areal des ab 1979 stillgelegten Hütten- und Stahlwerkes
Thyssen Niederrhein im Osterfeld an.
Im Jahr 1988 bot eine kanadische Investorengruppe der Stadt Oberhausen an, hier
das größte Freizeit- und Einkaufszentrum der Welt (World Tourist Center) zu
bauen. Trotz anfänglicher Euphorie der Beteiligten lehnte die Landesregierung
nach Einholung von Gutachten im Jahr 1989 das Projekt ab. Während die
Investoren die Hauptfunktion als Überregionales Tourismuszentrum herausgestellt
hatten, belegten die Gutachter, dass in erster Linie doch ein gigantisches
regionales Einkaufszentrum entstehen sollte. Dementsprechend wurde seit 1991 die
Neue Mitte Oberhausen unter dem Namen „CentrO“ geplant. Dort, wo bis 1987
noch Hochöfen und ein Siemens-Martin-Stahlwerk standen, begann 1994 der Bau. Es
sollten entstehen:
- ein Einkaufszentrum auf zwei Ebenen mit einer Nettoverkaufsfläche von 70.000
qm für 200 Läden und drei große Kaufhäuser
- Parkhäuser für 8.500 Pkw
- eine Mehrzweckhalle mit 12.000 Sitzplätzen
- ein Freizeitpark auf 100.000 qm mit Multiplex-Kino
- eine Sportanlage mit Tennis-Center-Court auf 40.000 qm
Die ursprünglichen Planungen für den Freizeitpark wurden jedoch drastisch
reduziert: Umfragen hatten ergeben, dass vor allem Eltern einen klassischen
Freizeitpark wünschten, den man mehrmals wöchentlich bei geringem Eintritt
besuchen könne.
Ein neues Verkehrskonzept wurde ebenfalls erstellt. Die Straßenbahn wurde
wieder eingeführt in Oberhausen und führt heute auf einer eigenen Trasse auf
Stelzen oder Damm durch das Areal. Diese Trasse wird gleichzeitig auch von
Bussen und Schnellbussen genutzt, so dass insgesamt ein attraktives Angebot des öffentlichen
Nahverkehrs geschaffen wurde. Dies sollte eine attraktive Alternative zur
Benutzung des eigenen Pkw zum Besuch des CentrO sein.
Gleichzeitig entstand im südlichen Bereich des Osterfelds ein neues
Gewerbegebiet.
4. Ergebnisse unserer Untersuchung des Gewerbegebietes „Osterfeld“
Wir untersuchten während einer Tagesexkursion im März 1998 mit unserem
Grundkurs und Leistungskurs Erdkunde das Gewerbegebiet „Osterfeld“. Dieses
Gewerbegebiet ist auf dem Areal des ehemaligen Hütten- und Stahlwerks Thyssen
seit 1985 entstanden. Von dem ehemaligen Stahlstandort sind nur noch einzelne
Gebäude, z.B. die ehemalige Verwaltung erhalten. Die Flächen wurden freigeräumt
und neu strukturiert, einschließlich neuem Straßennetz. Dieses Gebiet liegt südlich
des neu entstandenen Geschäftszentrums „CentrO“.

Karte 2: Gewerbegebiet Osterfeld
Die Architektur der neu erbauten Gebäude waren zum Teil sehr nüchterne
Zweckbauten, aber auch postmoderne repräsentative Gebäude. Alle hatten natürlich
genügend Parkplätze und großzügig bemessene Büro und Lagerflächen.

Foto 1: Gewerbegebiet Osterfeld

Foto 2: Gewerbegebiet Osterfeld

Foto 3: Gewerbegebiet Osterfeld
Wir verzichten hier auf eine genaue Auflistung aller dort ansässigen Branchen,
die vom Imbißbedarf und LKW-Verleih bis zur Medienentwicklung, Lokalradio und
Ing.büro für Solartechnik reichte. Überrascht waren wir über die starke
Verbreitung des tertiären Sektors (61%) und den nur niedrigen Wert für
Wachstumsbranchen. Wir hatten in diesem neuen Gewerbegebiet viel mehr
Wachstumsbranchen erwartet.

Diagramm 4: Beschäftigungsstruktur

Foto 4: ehemalige Verwaltung des Stahlwerks

Foto 5: neuer Bahnhof „CentrO“ für Straßenbahn und Bus

Foto 6: Gewerbegebiet Osterfeld

Diagramm 5: Neugründung des Betriebs im Gewerbegebiet
Da nur 35% der Betriebe an dieser Stelle neu gegründet worden waren, war es
offenbar für viele bereits vorher an anderen Standorten bestehenden Betriebe
eine günstige Gelegenheit, an dieser Stelle in günstiger Lage neue, großzügige
Gebäude zu errichten bzw. zu beziehen.

Diagramm 6: Umsiedlung des Betriebs

Diagramm 7: Hauptbetrieb / Filiale
Besonders interessierte uns auch die Frage, ob aus dem abgerissenen Stahlwerk
auch arbeitslos gewordenen ehemalige Stahlarbeiter einen neuen Arbeitsplatz
gefunden hatten. Nur in sehr wenigen Betrieben (18%) waren meist auch nur
vereinzelt ehemalige Stahlwerker beschäftigt. Insgesamt waren die gesuchten
Beschäftigten meist jünger und hatten andere Qualifikationen.
Die Untersuchung des Wohnortes der Beschäftigten zeigt, dass dies Gewerbegebiet
eine große Bedeutung über Oberhausen hinaus besitzt. Auch die Kunden sind
meist im gesamten Ruhrgebiet verteilt. Es wird deutlich, dass die Städte im
Ruhrgebiet für viele Einrichtungen einen Einzugsbereich besitzen, der über die
Stadtgrenzen hinausgeht. Das Ruhrgebiet ist wirtschaftlich ein Konglomerat von
kleineren und größeren Städten.

Diagramm 8: Wohnort der Beschäftigten
In dem Ökologiezentrum genannten Komplex mit besonders auffälliger Architektur
waren entgegen unseren Erwartungen auch viele Einrichtungen ansässig, die
nichts mit Ökologie, Umweltschutz, oder modernen Technologien zu tun hatten,
wie z.B. das Büro einer Krankenkasse oder einer Versicherung.

Foto 7: Technologiezentrum Umweltschutz

Foto 8: Technologiezentrum Umweltschutz

Foto 9: Technologiezentrum Umweltschutz
5. Ergebnisse unserer Untersuchung der „Neuen Mitte Oberhausen“, des
Einkaufs- und Freizeitkomplexes „CentrO“.
Im neuen Geschäftszentrum „CentrO“, was zusammen mit den umliegenden
Einrichtungen auch als „Oberhausen Neue Mitte“ bezeichnet wird, haben wir
zwei unterschiedliche Untersuchungen durchgeführt: eine Passantenbefragung und
eine Betriebsbefragung.
Bei der Befragung der Kunden stellte sich heraus, dass das CentrO von vielen Bürgern
Oberhausens als neues Geschäftszentrum akzeptiert wird, was eindeutig zu Lasten
des alten Geschäftszentrums in der „alten“ Mitte Oberhausens geht.

Diagramm 9: Grund des Besuchs im CentrO
Die an einem Donnerstagmittag durchgeführte Befragung zeigte weitgehend das
erwartete Bild. Nach Auskunft des Informationsbüros ist die Situation am
Wochenende sehr abweichend strukturiert. Dann kommen viel mehr Kunden aus den
umliegenden Stästen, dem weiten Umland und z.T. sogar aus dem benachbarten
Ausland (Belgien und Niederlande).

Foto 10: Eingang CentrO

Diagramm 10: Herkunft der Kunden im CentrO

Diagramm 11: Alter der Kunden im CentrO
Durch die zahlreichen kostenlosen (!) Parkplätze in Parkhäusern ist der Anteil
der Kunden, die mit dem eigenen PKW anreisen, sehr hoch, obwohl der öffentliche
Nahverkehr (Straßenbahn und Bus) sehr gut ausgebaut ist. Die kostenlosen Parkplätze
sind offenbar zu verlockend.

Foto 11: CentrO

Foto 12: CentrO

Diagramm 12: Nutzung von Verkehrsmitteln
Die Kunden waren von dem CentrO als Einkaufs- und Vergnügungsstätte durchweg
sehr angetan. Allerdings wurden mehrfach „richtige“ Fachgeschäfte vermißt,
da die ansässigen Geschäfte weitgehend Filialen großer Ketten sind und häufig
kein spezielles und einzigartiges Angebot haben. Uns fiel auf, daß es keinerlei
öffentliche Einrichtungen wie Behörden, Bibliothek hier gibt, aber auch keine
Apotheke, keine Ärzte und keine Banken. Dafür aber Bekleidungs- und Schuhgeschäfte
im Dutzend, ebenso Verpflegungseinrichtungen (CafÉ, Imbiss, Gaststätte,
Restaurant).

Diagramm 13: Erster Besuch im CentrO
Bei der Betriebskartierung im CentrO stellten wir fest, daß meist ein
durchschnittliches Warenangebot in den vielen Geschäften angeboten wurde. Es
gab sehr wenige wirkliche Fachgeschäfte, aber sehr viele Geschäfte für
Textilien und Schuhe, meist Filialen großer Ketten.

Foto 13: CentrO, „Coca-Cola-Oase“

Foto 14: CentrO, „Coca-Cola-Oase“

Diagramm 14: Branchen im CentrO
Die meisten Geschäfte waren seit Eröffnung des CentrO hier ansässig, einige
waren jedoch erst später eröffnet worden, z.T. weil die Vormieter ihr Geschäft
in diesem Zentrum schon wieder aufgegeben hatten. Auch waren in der oberen Etage
einige Geschäftsräume noch gar nicht fertiggestellt bzw. noch zu vermieten.
Insgesamt fiel uns die sehr attraktive Ausgestaltung der Passagen und die
Sauberkeit im gesamten Komplex auf.

Diagramm 15: Hauptgeschäft / Filiale

Foto 15: CentrO

Diagramm 16: Erstbezug dieses Geschäfts
Die Struktur der Beschäftigten zeigte weitgehend die erwarteten Merkmale: hoher
Anteil der Frauen, hoher Anteil unter 40 Jahren, Wohnort der Beschäftigten auch
außerhalb Oberhausens (Ruhrgebiet als Ballungsraum)

Diagramm 17: Alter der Beschäftigten im CentrO

Foto 16: CentrO, Promenade

Foto 17: CentrO, Freizeitpark

Foto 18: CentrO, Promenade

Diagramm 18: Beschäftigung männlich / weiblich

Diagramm 19: Wohnort der Beschäftigten im CentrO
Schlussbemerkungen
Ob die bestehende Stadtmitte von (Alt-) Oberhausen mit ihren vorhandenen
zentralen Einrichtungen wie Rathaus, Hauptbahnhof und Fußgängerzone als City
Bestand haben wird, oder ob das CentrO mehr als ein kombiniertes Einkaufs- und
Tourismuszentrum ist und sich wirklich zur „Neuen Mitte Oberhausens“
entwickeln kann, muss die Zukunft zeigen.
Wir danken dem Kommunalverband Ruhrgebiet in Essen für die freundliche
Begleitung bei unserer Exkursion und die Unterstützung mit Materialien.
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